Prolog: Die Realität. Tatsächlich.

Ich liebe dich. Ich liebe. Dich. Ich. Liebe. Dich. Genau dieser Satz. Genau diese drei einzelnen Buchstabenkombinationen schwirren mir die ganze Zeit im Kopf herum. Vernebeln ihn. Bahnen sich ihren Weg über diverse Synapsen zu meinem Sprechorgan. Aber da ist dann auch schon Endstation. Über die Lippen kommen sie mir nicht. Verständlicherweise. Selbst wenn, würde ich momentan nur mit mir selbst reden und das könnte ich dann wirklich nicht mehr so richtig vor mir selbst rechtfertigen. Deswegen treten diese drei einzelnen Buchstabenkombinationen zwangsläufig wieder den Rückweg in der metaphorischen Retourkutsche an, um weiter in meinem vernebelten Kopf im Kreis zu laufen. Ich kann mich ernsthaft nicht an den letzten Augenblick erinnern, in dem in meinem Hirn Klarheit herrschte. In dem ich nicht absolut hilflos versuchte, irgendetwas durch diese beschissene Nebelwand hindurch zu erkennen. Mittlerweile wäre ich ja schon dankbar, wenn ich meine eigene imaginäre Hand vor meinen eigenen imaginären Augen sehen könnte. Doch solche Versuche enden meist damit, dass sich irgendjemand weh tut. Und dieser jemand ist – Überraschung, Überraschung – zu einhundert Prozent ich. Wenn man nichts sieht, kann es schon mal vorkommen, dass man sich selbst eins in die Fresse gibt. Da helfen auch keine Nebelleuchten, Stirnlampen oder andere diverse Erleuchtungen. Sie machen zwar zunächst so den Eindruck, als würden sie Sinn machen und hilfreich sein. Aber dem ist nicht so. Im Endeffekt blenden sie einen nur. Nicht umsonst bekommt man in der Fahrschule eingetrichtert: „Bei Nebel nur nicht das Fernlicht einschalten. Macht die ganze Situation nur schlimmer.“ Deswegen schaltet man sie irgendwann doch wieder einfach aus. Und man steht wiederum vor dieser beschissenen Nebelwand. Immer noch verloren. Vielleicht noch verlorener als zuvor.

Und so kommt es, dass ich nun hier bin. Vor dieser Tastatur. Und schreibe. Genau diesen Satz. Genau diese drei einzelnen Buchstabenkombinationen. Weil ich sie einfach nicht über die Lippen bringe. Genauso wenig, wie ich es auch nicht übers Herz bringe, sie für mich zu behalten. Obwohl es wahrscheinlich die bessere Idee wäre, könnte ich mir vorstellen.

Das liegt unter Anderem auch daran, dass deine Freundin vermutlich nicht so sonderlich begeistert davon wäre, wenn sie wüsste, welche Worte sich tagtäglich mehrmals zwischen meinen Synapsen und meinem Mund hin und her bewegen. Was durchaus nachvollziehbar ist. Ich würde mir viel eher Sorgen machen, wenn sie es denn wäre. Oder auch nur nichts dagegen einzuwenden hätte. Du nicht auch? Irgendwie wäre es ja schon seltsam. Wobei das Faktum, dass ich durch sie nicht nur substituiert, sondern eigentlich eher radikal und ohne jegliche Vorwarnung wegrationalisiert wurde, durchaus beruhigend auf sie wirken dürfte. Weswegen ich einfach mal kurzerhand beschlossen habe, die bessere Idee in den Wind zu schießen. Hey. Wenn schon Nebel. Dann aber mit ordentlich Wind. So ein geistiges Unwetter muss doch was hermachen.

Außerdem hat sie diesen ominösen Freundinnen-Status in deinem Leben schon seit fast acht Jahren inne. Ja. Das könnte man durchaus als eine „lange Zeit“ bezeichnen. Ist ja schließlich fast ein Jahrzehnt. Wahrscheinlich kann ich dir den Zeitpunkt ihrer offiziellen Statusänderung sogar genauer sagen, als du es weißt. Ich bin sogar der Überzeugung, dass es nicht einmal sie so genau weiß. Wie ich. Keiner weiß es so genau. Wie ich. Denn in dem Moment, in dem ihr Status geändert wurde, ist mein Herz zerbrochen, zertrümmert, also quasi so ein bisschen zerstört worden. Und in meinem Denkorgan begann sich diese vormals erwähnte, beschissene Nebelwand zu formieren. Langsam. Aber stetig und sehr hartnäckig. Klingt pathetisch. Ist aber so. Daran kann ich leider nichts ändern. Glaub mir bitte. Es wäre ja nicht so, als hätte ich es nicht versucht. Mehrmals. Und mit aller Kraft, die ich irgendwo, auch im letzten Winkel meiner Kleinigkeit, finden konnte. Doch so ein zertrümmertes Herz wieder ganz zu machen, ist schon bei klarer Sicht schwierig genug. Aber hast du das schon jemals versucht, wenn man nicht einmal die eigene imaginäre Hand vor den eigenen imaginären Augen sehen kann? Nein? Na dann. Nur ein einziges Wort dazu: Aussichtslos. Im wahrsten Sinne desselben.

Wäre dies anders, wäre ich jetzt nicht hier. Und würde immer wieder die Geschichte – unsere Geschichte – durchspielen. Kleine Details verändern. Um zu sehen, was dann herauskommt. Wie sich die Geschichte – unsere Geschichte –denn dann entwickelt hätte. Wenn etwas nicht gewesen wäre. Was nicht hätte sein sollen. Aber so war. Oder wenn etwas gewesen wäre. Was hätte sein sollen. Es aber wiederum nicht war.

Dennoch. Die Realität ist, wie sie ist. Die Details waren so, wie sie waren. Alles ist so gelaufen, wie es gelaufen ist. Und ändern kann man das alles nicht. Schon gar nicht meine Kleinigkeit. „Wenn. Dann.“ Was ist das schon? Tatsachen bleiben. Tatsächlich.

Ich habe mich vor acht Jahren in dich verliebt. Tatsache. Ich war mit dir für eine kurze Zeit unfassbar glücklich. Tatsächlich. Und dann hast du mir das Herz gebrochen. Tatsache. Dennoch: Ich liebe dich. Ich liebe. Dich. Ich. Liebe. Dich. Tatsache. Tatsächlich.

Allem geistigen Unwetter samt beschissener Nebelwand zum Trotz, muss ich dir dabei zusehen, wie du dein Leben mit jemandem verbringst. Jemandem, nicht mit mir. Womit auch eigentlich meinem widerspenstigem, offenbar masochistisch veranlagtem Hirn klar werden müsste, dass wir nicht für einander bestimmt sind. Es nie waren. Es niemals sein werden. So einfach und schlicht. Egal, was wer wann wie und wo anders gewesen wäre. Oder?

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